Darmstadt, den 10. Dezember 2009
Krebstherapie mit Ionenstrahlen - kaum Spätfolgen zu erwartenDie Wahrscheinlichkeit für Spätfolgen nach einer Therapie mit Ionenstrahlen ist geringer als bei herkömmlicher Strahlentherapie. Dies konnten Wissenschaftler am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung durch Blutuntersuchungen von Patienten mit Prostata-Tumoren nachweisen. Damit haben sie die bisherigen Risiko-Abschätzungen experimentell bestätigt. Die Therapie mit Ionenstrahlen zeichnet sich durch hohe Heilungsraten und geringe Nebenwirkungen aus. Vor über zehn Jahren wurde am GSI Helmholtzzentrum der erste von 440 Patienten mit Ionen bestrahlt. Behandelt wurden Tumoren an der Schädelbasis, am Rückenmark und der Prostata. Vor wenigen Wochen ging mit dem Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum die erste Klinikanlage für die Routinebehandlung in Betrieb.
Dass die Wahrscheinlichkeit für Spätfolgen bei Bestrahlungen von
Prostata-Tumoren gering ist, lässt uns vermuten, dass dies auch für andere
Tumore der Fall ist. Ein weiteres überzeugendes
Argument für die Ionenstrahltherapie, für die am GSI Helmholtzzentrum ein
völlig neues Bestrahlungsverfahren entwickelt und eingesetzt wurde", sagt
Professor Marco Durante, der Leiter der Abteilung Biophysik bei GSI.
"Wir
haben in den Blutzellen der bestrahlten Patienten mit Prostata-Tumoren die
Chromosomenschäden untersucht. Die Anzahl der Schäden nach einer Behandlung mit
Ionenstrahlen lag dabei unter der nach einer konventionellen Bestrahlung. Chromosomenschäden
geben uns Auskunft über die Wahrscheinlichkeit für Spätfolgen, wie zum Beispiel
ein Auftreten von Sekundärtumoren", sagt Sylvia Ritter, die
Projektleiterin aus der Abteilung Biophysik bei GSI.
Bei
jeder Strahlentherapie wirkt ein Teil der Strahlung auch auf das gesunde
Gewebe, das auf dem Weg zum Tumor mit dem Strahl durchquert werden muss.
Während eine hohe schädigende Wirkung der Strahlung im Tumor gewollt ist, soll das
umliegende gesunde Gewebe möglichst verschont bleiben. Eine Bestrahlung mit
Ionenstrahlen bewirkt eine hohe Dosis im Tumor bei gleichzeitig wesentlich
geringerer Dosis im umliegenden gesunden Gewebe als bei einer Bestrahlung mit
Röntgenstrahlen.
Dass
die Spätfolgen der Ionentherapie geringer sind als bei bereits etablierten
Bestrahlungsverfahren, war zwar von den GSI-Experten bereits prognostiziert
worden, konnte aber nun mit so genannten molekular-zytogenetischen
Untersuchungen bestätigt werden. Eine einzige vergleichbare Studie zu
Sekundärschäden nach Ionentherapie wurde 2000 in Japan durchgeführt, bei der
ebenfalls eine geringe Wahrscheinlichkeit für Spätfolgen festgestellt wurde. In
der Studie wurden Tumoren an Gebärmutter und Speiseröhre untersucht.
Die
Wissenschaftler haben Blutproben von 20 Patienten untersucht, die sich einer Kombinationstherapie
aus Ionen- und Röntgen-Strahlung oder einer alleinigen Röntgen-Bestrahlung der
Prostata unterzogen hatten. Für ihre Untersuchungen verwendeten sie weiße
Blutkörperchen, die als Bestandteil des menschlichen Blutes den gesamten Körper
durchströmen. Sie eignen sich daher besonders gut, um Schäden an Chromosomen
durch eine Strahlentherapie zu untersuchen und daraus die Wahrscheinlichkeit
für Spätfolgen abzuschätzen.
Um
den therapiebedingten Anstieg der Schäden nachzuweisen wurden den Patienten vor,
während und nach der Therapie Blutproben entnommen und mit Blutproben von
gesunden Menschen verglichen. Die Wissenschaftler verwendeten bei ihren
Untersuchungen die mFISH-Methode (multicolour Fluorescent in situ Hybridisation),
um die Chromosomen sichtbar zu machen. Chromosomen sind Strukturen im Zellkern
einer jeden menschlichen Zelle, die das Erbgut enthalten. Das Erbmaterial wird
bei mFISH unterschiedlich eingefärbt und in Form eines Karyogramms dargestellt.
Durch die farbliche Kodierung lassen sich schnell und sicher Schäden durch die
Bestrahlung nachweisen.
An
der Arbeit waren Wissenschaftler beteiligt von GSI und der Radiologischen
Klinik der Universität Heidelberg. Die Arbeit wurde gefördert vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter Vertrag
Nr. 02S8203 und Nr. 02S8497.
Wissenschaftliche Veröffentlichung: "Radiotherapy and Oncology":doi:10.1016/j.physletb.2003.10.071
Über
die Tumortherapie mit Ionenstrahlen
Die
am GSI entwickelte bahnbrechende Therapiemethode mit Ionenstrahlen wird bereits
seit 1997 am GSI zur Behandlung von Patienten mit Tumoren im Kopf- und Halsbereich,
sowie seit 2006 auch an der Prostata eingesetzt. Sie ist ein sehr genaues,
hochwirksames und gleichzeitig sehr schonendes Therapieverfahren. Ionenstrahlen
dringen in den Körper ein und entfalten ihre größte Wirkung erst tief im
Gewebe, hochpräzise in einem nur stecknadelkopfgroßen Bereich. Sie werden so
gesteuert, dass Tumoren bis zur Größe eines Tennisballs Punkt für Punkt und
millimetergenau bestrahlt werden können. Das Verfahren eignet sich vor allem
für Tumore in der Nähe von Risikoorganen, wie z.B. dem Sehnerv, dem Hirnstamm,
der Blase oder des Darms.
Aufgrund
der guten Resultate des Therapieverfahrens wurde im November 2009 eine spezielle
Anlage für Ionenstrahl-Therapie an der Radiologischen Klinik in Heidelberg in
Betrieb genommen. Am Heidelberger Ionenstrahl Therapiezentrum (HIT) können pro
Jahr ca. 1.300 Patienten behandelt werden. Zwei weitere Anlagen in Marburg und
Kiel befinden sich im Bau.
Über das GSI
Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung
GSI ist ein mit jährlich 90
Millionen Euro vom Bund und dem Land Hessen finanziertes Forschungszentrum der
Helmholtz-Gemeinschaft in Darmstadt. Das Ziel der Forschung bei GSI ist es ein
immer umfassenderes Bild der uns umgebenden Natur zu entwerfen. Dazu betreiben
die über 1.000 GSI-Mitarbeiter eine weltweit einmalige Beschleunigeranlage für
Ionenstrahlen. Über 1.000 Gast-Wissenschaftler aus aller Welt nutzen diese
Beschleunigeranlage für Experimente in der Grundlagenforschung. Das
Forschungsprogramm umfasst ein breites Spektrum, das von Kern- und Atomphysik
über Plasma- und Materialforschung bis hin zur Biophysik reicht. Die wohl
bekanntesten Resultate sind die Entdeckung von neuen chemischen Elementen und
die Entwicklung einer neuartigen Tumortherapie mit Ionenstrahlen. Mit diesen
und einer Vielzahl anderer wissenschaftlicher Resultate nimmt GSI eine
international führende Position in der Forschung mit Ionenstrahlen ein. Um in
den kommenden Jahren weiterhin Spitzenforschung zu betreiben, wird bei GSI das
neue internationale Beschleunigerzentrum FAIR (Facility for Antiproton and Ion
Research) errichtet. Dort wird eine große Vielfalt an Experimenten möglich
sein, von denen Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Struktur der Materie
und die Evolution des Universums erwarten.
 Download des Bildmaterials: 300dpi
72dpi
Foto: GSI Darmstadt
Darstellungen der Chromosomen einer menschlichen
Zelle, so genannte Karyogramme. Die Chromosomen sind mit der mFish-Methode
unterschiedlich eingefärbt.
Auf dem Bild ist ein Karyogramm einer gesunden Zelle zu sehen.
 Download des Bildmaterials: 300dpi
72dpi
Foto: GSI Darmstadt
Darstellungen der Chromosomen einer menschlichen
Zelle, so genannte Karyogramme. Die Chromosomen sind mit der mFish-Methode
unterschiedlich eingefärbt. Auf dem Bild sind Schäden an den Chromosomen Nr.2
und Nr.17 zu erkennen zwischen denen ganze Abschnitte vertauscht sind, eine so
genannte "Translokation".
 Download des Bildmaterials: 300dpi
72dpi
Foto: A. Zschau, GSI Darmstadt
Das Bild zeigt den Behandlungsplatz am Beschleuniger des
GSI, an dem die klinischen Studien zur Tumortherapie mit schweren Ionen
durchgeführt werden. Um den Tumor exakt bestrahlen zu können, muss der
Kopf des Patienten fixiert werden.
GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH
Planckstr. 1
64291 Darmstadt
Öffentlichkeitsarbeit
Kontakt: Dr. Ingo Peter
Tel: 06159-71-2598
Fax: 06159-71-2991
Email: presse@gsi.de
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